Mai 252017
 

Bundespräsident ehrt Karlspreisträger Garton Ash: „Europa braucht Ihren klaren, liberalen Geist!“

  • Ein überzeugter und überzeugender englischer Europäer: Der britische Historiker und Publizist Prof. Timothy Garton Ash ist am Himmelfahrtstag 2017 mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden.
  • Laudator Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt in einer bemerkenswert persönlichen Laudatio das beeindruckende Lebenswerk des Preisträgers.
  • Unzählige Menschen bereiten dem charismatischen Garton Ash bei strahlendem Sonnenschein auf dem Katschhof einen tollen Empfang.
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Prof. Timothy Garton Ash (2. von links) wurde heute (25. Mai) mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet. Hier sieht man ihn zusammen mit Oberbürgermeister Marcel Philipp (links), dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (3. von links) und Karlspreisdirektoriumsvorsitzenden Dr. Jürgen Linden (rechts). © Stadt Aachen/Peter Klingel

Prof. Timothy Garton Ash steht so da, wie man sich einen Vorzeige-Briten vorstellt: ein Gentleman durch und durch. Höflich, gut gekleidet und mit einer klaren Haltung. Und die ist, wenig verwunderlich, eine entschieden andere als die von vielen seiner Landsleute, die vor einem knappen Jahr für den Brexit gestimmt haben. Nun, am Himmelfahrtstag 2017, richten sich alle Augen der rund 850 Gäste im Aachener Krönungssaal auf den glühenden Verfechter der europäischen Idee, als dieser den Karlspreis entgegennimmt. Congratulations! Garton Ash – der englische Europäer, der europäische Engländer. Garton Ash, der weltweit anerkannte Experte für Europäische Gegenwartsgeschichte, der am St. Antony’s College der Universität Oxford lehrt. Garton Ash, der sich mit wissenschaftlicher Analyse und jeder Menge Herzblut zugleich für das freie Wort einsetzt.

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Die Plätze sind eingenommen. Die Karlspreisverleihung 2017 kann beginnen. © Stadt Aachen/Peter Klingel

Kritischer Begleiter Europas
Dabei gilt der 61-Jährige auch als durchaus kritischer Begleiter Europas. „Es bringt nichts, einfach immer nur „mehr Europa, mehr Europa“ zu fordern. Die richtige Antwort wird oftmals sein, dass wir von diesem mehr, von jenem aber weniger brauchen“, analysiert er im Rahmen der Verleihung – und erhält dafür viel Applaus. Und weiter fordert Garton Ash: „Wenn wir unser europäisches Gemeinschaftsgefühl vertiefen wollen, müssen wir lernen, uns gegenseitig als individuelle Europäer zu sehen und anzuerkennen.“ Klare Botschaft: Der Weg ist für Europa und seine Bewohner gleichbedeutend mit dem Ziel. Ein sportliches Unterfangen, das für Garton Ash nur funktionieren kann, wenn Europa wie ein olympischer Wettkämpfer beides sein kann, „stark, weil es flexibel ist, flexibel, weil es stark ist.“

Am Küchentisch der Weltgeschichte
In einer sehr persönlichen Laudatio hatte zuvor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das außergewöhnliche Lebenswerk Garton Ashs gewürdigt. Der Karlspreisträger sei ein „leidenschaftlicher Kommentator, der sich in die politische Realität hinauswagt und an ihr teilnimmt“, sagte Steinmeier. An Garton Ashs Zeit in den 1980er Jahren in Ost-Berlin erinnernd, stellte der Bundespräsident mit Anerkennung fest: „Sie saßen im wahren Wortsinn am Küchentisch der Weltgeschichte, und dank Ihrer wunderbaren Texte dürfen wir daran teilhaben.“ Dieses Talent, aktuelles Geschehen in den großen historischen Kontext zu setzen und es den Menschen zugleich anschaulich und mit wissenschaftlicher Präzision näherzubringen, sei einer der großen Verdienste des diesjährigen Karlspreisträgers. Garton Ash, so der Bundespräsident in seiner Rede, sei ein unschätzbar wichtiger „Chronist der Realität Europas, seines Wachsens und Werdens und auch seiner Widersprüche“.

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Hielt eine sehr persönlichen Laudatio: Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. © Stadt Aachen/Peter Klingel

„Wir stehen zusammen“
Angriffe auf das freiheitliche Leben finden in der heutigen Zeit von vielen Seiten statt. Die menschenverachtendste Variante ist der Terror. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp erinnerte in seiner Ansprache an den jüngsten Anschlag in England, bei dem vor allem viele junge Menschen ums Leben gekommen sind. Er verband das Gedenken sogleich mit einer klaren Botschaft: „Wir stehen zusammen. Lassen Sie uns die heutige Veranstaltung ebenso den Opfern von Manchester wie auch dem Frieden, der Freiheit und der Demokratie in Europa widmen.“ Gerade in solch unruhigen Phasen sei es umso wichtiger, den Überblick zu bewahren, betonte der Oberbürgermeister. Menschen wie Timothy Garton Ash täten genau das. Sie schauen hin, sie analysieren, sie legen Missstände offen dar und sprechen sie aus. In Zeiten, in denen in der Türkei der Rechtsstaat nur noch eine leere Hülle darstellt oder in denen mit Lügen ein Wahlkampf für den Brexit geführt wird, forderte Philipp: „Europa darf nicht manipulierbar werden, wir müssen zurück zur Ehrlichkeit, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist.“

Kämpfer für das freie Wort
Timothy Garton Ash, der bereits im Jahre 2013 in Aachen mit der Karlsmedaille für europäische Medien, die „Médaille Charlemagne pour les Médias Européens“, ausgezeichnet worden ist, genießt die Zeit in der Kaiserstadt sichtlich. Schon zwei Tage vor der Verleihung war er angereist, mischte sich unter die Bürger und nahm an mehreren Veranstaltungen teil, die im Rahmen der Karlspreisverleihung stattfanden. Keine Selbstverständlichkeit in der langen Geschichte der renommierten Auszeichnung, aber für ihn, den Professor aus Oxford, dann irgendwie doch. Denn er liebt den Austausch mit anderen Menschen, als Wissenschaftler analysiert er messerscharf und mit kritischem Blick die aktuellen gesellschaftspolitischen Strömungen und fordert vehement dazu auf, über unterschiedliche Meinungen mit offenem Visier zu diskutieren. Vor allem die von ihm angestoßene Debatte über die Redefreiheit (http://freespeechdebate.com) hat international viel Beachtung gefunden. Und nun, an diesem wunderschönen Himmelfahrtstag, macht er den Zuhörern im Aachener Krönungssaal und auch den vielen Besuchern vor dem historischen Rathaus Mut. Er, der den Brexit im vergangenen Jahr als „die größte politische Niederlage seines Lebens“ empfunden hat.

Doch nach dem besorgniserregenden Erstarken der Populisten in Europa und anderswo in der Welt habe er in den zurückliegenden Monaten mit Freude eine neue Bewegung ausgemacht. „Tatsächlich habe ich noch nie in meinem Leben so viel leidenschaftliches Pro-Europäertum erlebt wie im heutigen Großbritannien, insbesondere in Schottland, in London und unter jungen Menschen“, stellt Garton Ash mit sichtlicher Freude fest. Und nicht nur dort. Er schlage weiterhin an vielen Orten dieses alten Kontinents, der ‚Pulse of Europe‘. Garton Ash: „Mit der EU-Mitgliedschaft ist es wie mit der Gesundheit: Man weiß sie erst dann wirklich zu schätzen, wenn sie verloren geht. Aber seien Sie versichert: Wir britischen Europäer haben nicht aufgegeben.“

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Großes Interesse: Übertragung des Karlspreis-Festaktes aus dem Krönungssaal des Rathauses auf einer Großleinwand auf dem Markt.© Stadt Aachen/Peter Klingel

Große Hoffnung in die Jugend
Dabei setzt der Karlspreisträger vor allem auf die jungen Menschen in Europa. Ihnen, die in der glücklichen Lage aufgewachsen sind, nie einen großen Krieg miterlebt zu haben, müsse man das nahebringen, was dieses weltweit einzigartige Friedensprojekt auszeichne. Daher müsse man „dieser Generation irgendwie vermitteln, dass das, was sie heute als normal betrachtet, historisch gesehen tatsächlich zutiefst abnormal ist – außergewöhnlich, außerordentlich“, so Garton Ash.

Außerordentlich sympathisch ist ohne Frage der gesamte Auftritt des Karlspreisträgers 2017 in Aachen. Garton Ash schüttelt Hände, hört zu, sucht den Kontakt zu den Menschen, die zu Hunderten zum Katschhof und auf den Marktplatz gekommen waren, um ihm zu applaudieren. Dort ebenso wie im Krönungssaal und wo man sonst noch dieser Tage dem bodenständigen Wissenschaftler und Publizisten begegnen konnte, herrschte Einstimmigkeit: Das ist ein würdiger Karlspreisträger 2017. Ein wahrer Gentleman eben. Very british! Und durch und durch europäisch. It was an Honour, Mr. Timothy Garton Ash.

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Timothy Garton Ash (rechts) setzt vor allem auf die jungen Menschen in Europa. Der 6-jährige Jonas aus Heinsberg ist ein großer Fan von Frank-Walter Steinmeier (links) und kommt seinem Idol so richtig nah. © Stadt Aachen/Peter Klingel

Zitate und Fakten in Kürze:

Der Preisträger: Der britisch Historiker und Publizist Professor Timothy Garton Ash, 61, ist am heutigen Himmelfahrtstag, 25. Mai, mit dem „Internationale Karlspreis zu Aachen“ in Würdigung seines herausragenden wissenschaftlichen und publizistischen Werkes geehrt worden. Das Karlspreisdirektorium lobt in seiner Begründung vor allem die wertvollen Beiträge Garton Ashs zum Selbstverständnis Europas.

  • Die Botschaft: In seiner Rede betonte Garton Ash, wie wichtig es sei, dass sich Europa stetig weiterentwickle und dabei die Bedürfnisse der Menschen, die in der Europäischen Union leben, nicht aus dem Blick verlieren darf. „Europa ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein. Aber das muss nicht unbedingt ein Fluch, es kann auch ein Segen sein. Wenn man etwas älter ist, sieht man, dass die Jahre des Werdens oft die schönsten Jahre des Lebens sind. So hat das ewig unfertige Europa die Chance, immer jung zu bleiben. Gestalten wir es also gemeinsam: das niemals endende Werden Europas.“
  • Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp: „Hier [in Aachen] und in vielen anderen Städten lebt der positive Geist der europäischen Einigung und der Weltoffenheit. Dieses Gefühl findet Ausdruck in den vielen Demonstrationen des ‚Pulse of Europe‘.“
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Lieber  Timothy Garton Ash: Wir wünschen uns, dass Sie Europa erhalten bleiben. Europa braucht Ihren klugen, liberalen Geist!“
  • Die Verleihung: 850 Personen haben an den Feierlichkeiten im Krönungssaal des Aachener Rathauses teilgenommen. Zur politischen Prominenz gehörte neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Ansprache mit einer Würdigung des Preisträgers hielt, auch der Parteivorsitzende der SPD und ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz (Preisträger des Jahres 2015) sowie György Konrád  (Preisträger des Jahres 2001) und ehemaliger Präsident der Akademie der Künste.
  • Weitere Gäste: Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt, der Vorsitzende der NRW-CDU Armin Laschet, der Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien NRW Franz-Josef Lersch-Mense, NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke sowie Landtagsvizepräsident Eckhard Uhlenberg erwartet. Weitere Ehrengäste sind Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Theo Bovens, Gouverneur der niederländischen Provinz Limburg, sowie Herman Reynders, Gouverneur der belgischen Provinz Limburg.
  • Die Begegnung des Tages: Die erlebte der kleine sechsjährige Jonas aus Heinsberg. Wo andere Jungs in seinem Alter Poster von Bastian Schweinsteiger oder Mesut Özil im Kinderzimmer über dem Bett hängen haben, ist Jonas ein riesengroßer Frank-Walter-Steinmeier-Fan. Klar, dass sich der Bundespräsident bei seinem Besuch in Aachen die Zeit nahm, um seinen kleinen Bewunderer ganz persönlich zu begrüßen. Ein Autogramm – ebenso wie von Karlspreisträger Timothy Garton Ash – gab es selbstverständlich obendrauf.
  • Das mediale Interesse: Über 65 Journalisten haben über die Karlspreisverleihung 2017 berichtet, darunter Teams von ARD und ZDF, WDR und BRF, der FAZ sowie verschiedenen in- und ausländischen Wort- und Bild-Agenturen. Für die 90-minütige Live-TV-Übertragung in HD hatte allein der WDR 30 Mitarbeiter im Einsatz. Mit einem halben Dutzend Kameras wurd die Veranstaltung im Krönungssaal eingefangen und mittels eines großen Übertragungswagens, der vor dem Rathaus stand, in die Welt gesendet. Bereits im November 2016 hat der WDR damit begonnen, die Karlspreis-Übertragung 2017 vorzubereiten.
  • Die Logistik: Seit fast 30 Jahren stellt die Mercedes-Benz Niederlassung Aachen die Fahrzeugflotte für die Ehrengäste der Karlspreisverleihung. Aktuell besteht die Flotte aus 20 Fahrzeugen aller Baureihen, die rund um die Preisverleihung im Einsatz sind.
  • Kulinarischer Kraftakt: Das Catering für die Gäste des Karlspreises lag in den Händen von Daniel van Zijp, Küchenchef des Pullman Aachen Quellenhofs. Er und sein Team bereiteten unter anderem 3000 Portionen Fingerfood zu (Garnele im Kartoffelnest mit Knoblauch-Mayonnaise; Bällchen vom Hühnchen mit Sesam und süßem Chili Dip; Variation von Dattel, Pflaume und Aprikose im Speckmantel; Mini-Camembert gebacken mit Preiselbeer-Creme, Mini Quiche Lorraine), des Weiteren wurde bereits am Mittwochabend ein feines Drei-Gänge serviert (Entenleberpraline mit Pistazien; Blaubeergel, marinierter Spargel und Kräutervinaigrette; Edelfisch-Trilogie, Purple-Curry-Soße, Rahmlinsen und Reisnudel-Risotto; Allumette von Schokolade, Birnen-Cidre-Espuma und Cassis). Für all das wurden knapp 6500 Teile (Besteck, Gläser, Geschirr, Küchenequipment) benötigt.
  • Alles im Rahmen: Der Aachener Stadtbetrieb hatte 300 so genannte Drängelgitter im Bereich Marktplatz, Katschhof und Krämerstraße aufgestellt. Auf einer Länge von insgesamt etwa 750 Meter sorgten sie dafür, dass sowohl für die vielen Zuschauer als auch für die Gäste der Karlspreisverleihung ein reibungsloser Ablauf gewährleistet war.
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Pontifikalamt zur Karlspreisverleihung aus dem Aachener Dom. © Stadt Aachen/Peter Klingel

Infos zum Karlspreis:

Timothy Garton Ash ist der 59. Träger des Internationalen Karlspreises zu Aachen. Der Brite ist bereits im Jahr 2013 in Aachen mit der Karlsmedaille für europäische Medien, der „Médaille Charlemagne pour les Médias Européens“, ausgezeichnet worden.

Der Internationale Karlspreis zu Aachen gilt als einer der bedeutendsten europäischen Preise. Seit 1950 wird er an Personen und Institutionen verliehen, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben. Letzter Preisträger war Papst Franziskus, der die Auszeichnung in der Sala Regia des Apostolischen Palastes in Rom entgegengenommen hat. Zu den früheren Preisträgern in Aachen gehörten u.a. Konrad Adenauer (1954), die Europäische Kommission (1969), der spanische König Juan Carlos I. (1982), Francois Mitterand und Helmut Kohl (1988), Václav Havel (1991), Königin Beatrix der Niederlande (1996), der amerikanische Präsident Bill Clinton (2000), der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker (2006), der Spanier Javier Solana (2007), Bundeskanzlerin Angela Merkel (2008), Jean – Claude Trichet (2011) und der damalige Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (2015). Im März 2004 erhielt Papst Johannes Paul II. einen außerordentlichen Karlspreis.

Verliehen wird im Rahmen der feierlichen Zeremonie im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses neben einer Urkunde auch eine Medaille, die auf der Vorderseite das älteste Aachener Stadtsiegel aus dem 12. Jahrhundert mit thronendem Karl dem Großen und auf der Rückseite eine Inschrift für den jeweiligen Preisträger zeigt.

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